Am 2. Oktober hat Hans Anders, eine der größten Optikerketten der Niederlande, den Verkauf von Metas Kamerabrillen in allen niederländischen und belgischen Filialen und online eingestellt. Der Onlinehändler Wehkamp zog nach. Die niederländische Datenschutzbehörde (AP) warnte, Kamerabrillen seien im öffentlichen Raum „nicht immer leicht zu bemerken“, und prüft weitere Maßnahmen. Die niederländische Regierung steuert dennoch nicht auf ein Verbot zu. Justizstaatssekretärin Claudia van Bruggen verwies darauf, dass bei der AP sechs Meldungen und eine Beschwerde eingegangen seien, und kündigte an, den Bericht des Europäischen Datenschutzausschusses (EDPB) abzuwarten, der noch in diesem Jahr erwartet wird.
Dieser Bericht verdient Aufmerksamkeit, und zwar wegen seines Gegenstands. Laut Politico Europe hat der EDPB ihn im Juni zur sozialen Akzeptanz von Smart Glasses in Auftrag gegeben. Damit greift eine Aufsichtsbehörde einen Begriff auf, den die Mensch-Computer-Interaktion seit Jahren operationalisiert. Und genau hier droht die Debatte schiefzugehen.
Das Problem mit gezählten Beschwerden
Zuerst zur Zahl der Regierung. Sechs Meldungen und eine Beschwerde klingen nach einem kleinen Problem. Gemessen wird damit aber das Falsche, und zwar systematisch verzerrt. Beschweren kann man sich über eine Aufnahme nur, wenn man sie bemerkt hat. Die strittige Eigenschaft, eine Kamera, die Umstehende nicht wahrnehmen, ist dieselbe Eigenschaft, die die Beschwerden unterdrückt. Die Daten sind durch genau den Effekt zensiert, den sie messen sollen.
Drei Wochen zuvor hatte der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit eine technische und rechtliche Prüfung der Ray-Ban-Meta-Brille veröffentlicht. Darin heißt es, die Aufnahmeanzeige leuchte bei KI-Interaktionen nur schwach und sei im Freien oder bei direkter Sonne praktisch unsichtbar. Meta hält dagegen, das Licht blinke und lasse sich nicht abschalten. Beide Aussagen können zugleich stimmen, und genau darum geht es: Ob eine Anzeige funktioniert, ist eine Frage der Wahrnehmung, keine Frage der Hardware.
Wahrnehmungsfragen haben eine Methode
In der Quality-of-Experience-Forschung fragen wir nicht, ob ein Codec „akzeptabel“ ist. Wir legen Testbedingungen fest, rekrutieren unvoreingenommene Versuchspersonen und messen Erkennung und Bewertungen unter kontrollierter Variation. Für Smart Glasses ist die Fassung aus Sicht der Umstehenden fast peinlich einfach zu spezifizieren: die Erkennungsrate des Aufnahmesignals in Abhängigkeit von Entfernung, Umgebungslicht, Blickwinkel und Aufmerksamkeitsbelastung. Dazu kommt, wie lange es dauert, bis eine umstehende Person es bemerkt, und ob sie richtig erschließt, was gerade erfasst wird (Foto, Video, eine Live-KI-Abfrage). Einige hundert Versuchspersonen und ein standardisiertes Protokoll würden Aufsichtsbehörden eine Kurve liefern statt einer Anekdote.
Akzeptanz hängt vom Kontext ab
Die zweite Lehre aus der Literatur: Akzeptanz ist keine Eigenschaft des Geräts. Sie hängt vom Kontext ab, davon, wer in der Nähe ist, was die tragende Person gerade tut und ob die Interaktion sichtbar ist. In unserer eigenen Arbeit zu AR im öffentlichen Raum (Cocchia et al., QoMEX 2024) haben wir untersucht, wie das soziale Umfeld und der Fokus der Interaktion sowohl das Erleben der tragenden Person prägen als auch, wie akzeptabel die Nutzung wirkt. Frühere Arbeiten von uns haben Nutzererleben und soziale Akzeptanz als getrennte Zielgrößen behandelt und nebeneinander gemessen (Vergari et al., IEEE VR 2021). Weder das Wohlbefinden der tragenden Person noch die Toleranz der Umstehenden lässt sich von einer Situation auf eine andere übertragen. Eine Sauna, eine Straßenbahn, eine Krankenhausstation und ein Klassenzimmer sind unterschiedliche Messbedingungen.
Was der EDPB in seinen Testplan schreiben sollte
Damit der EDPB-Bericht zu umsetzbaren Empfehlungen führt, muss soziale Akzeptanz als Protokollfrage behandelt werden, nicht als qualitatives Urteil. Die Perspektive der tragenden Person ist von der der Umstehenden zu trennen. Gemessen werden muss die Erkennbarkeit der Anzeige, nicht nur ihr Vorhandensein. Ergebnisse sind je Kontext zu berichten, nicht als eine einzige Zahl. Und Beschwerdezahlen taugen nicht als Beleg dafür, dass es kein Problem gibt.
Das betrifft nicht nur Meta. Die Android-XR-Brillen von Samsung und Google durchlaufen gerade die Zertifizierung, und Apple arbeitet an einer eigenen. Die Gestaltung der Anzeige wird bei all diesen Geräten zum De-facto-Standard. Wenn niemand festlegt, wie sie zu testen ist, legt die Industrie es fest, und zwar danach, was sich am billigsten ausliefern lässt.
Quellen
- Cocchia, L., Vergari, M., Kojic, T., Vona, F., Möller, S., Garzotto, F. und Voigt-Antons, J.-N. (2024). The impact of social environment and interaction focus on user experience and social acceptability of an augmented reality game. QoMEX 2024. doi.org/10.1109/QoMEX61742.2024.10598279
- Liu, Y. (3. Oktober 2026). Die Niederlande erwägen ein Verkaufsverbot für Metas KI-Brillen, einige Händler haben sie aus dem Sortiment genommen [chinesisch]. Nweon, nach Business Insider. news.nweon.com
- Neerman, P. (2. Oktober 2026). Privacyrel rond Meta-bril dwingt Hans Anders tot verkoopstop. RetailDetail BE. retaildetail.be
- Politico Europe (8. Juni 2026). New privacy frontier: Europe eyes crackdown on smart glasses. politico.eu
- Rijo, L. (10. September 2026). Hamburg regulator finds Ray-Ban Meta glasses expose bystanders without consent. PPC Land. ppc.land
- Vergari, M., Kojić, T., Vona, F., Garzotto, F., Möller, S. und Voigt-Antons, J.-N. (2021). Influence of interactivity and social environments on user experience and social acceptability in virtual reality. IEEE VR 2021. doi.org/10.1109/VR50410.2021.00096