Die drängendsten Fragen der Mensch-Computer-Interaktion entstehen dort, wo Technik nicht nur bequem, sondern verlässlich sein muss. Genau darum geht es auf der ACM CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, der weltweit führenden Tagung des Fachs. Die CHI 2026 findet vom 13. bis 17. April 2026 in Barcelona im Centre de Convencions Internacional de Barcelona (CCIB) statt. Für das Immersive Reality Lab ist der diesjährige Jahrgang besonders einschlägig: mehrere Mitglieder des Labors sind mit Beiträgen in thematisch starken XR-Workshops vertreten.
Was macht die CHI so wichtig? Sie ist nicht bloß eine Tagung für neue Bedienoberflächen oder Gestaltungstrends. Sie ist ein Forum, auf dem verhandelt wird, wie digitale Systeme in Alltag, Arbeit und Gesellschaft eingebettet sein sollten. Dort sichtbar zu sein heißt, die eigene Forschung in einen internationalen Diskurs darüber zu stellen, wie sich Technik verständlich, verantwortbar und menschzentriert gestalten lässt. Für ein Labor mit Schwerpunkt auf immersiven Medien, Quality of Experience und Digital Health ist das ein zentraler Resonanzraum.
Warum die CHI 2026 für XR besonders spannend ist
Extended Reality, kurz XR, umfasst Virtual Reality, Augmented Reality und Mixed Reality. Der Begriff bezeichnet Techniken, die digitale Inhalte räumlich erfahrbar machen oder in die physische Umgebung einbetten. In vielen Debatten wird XR noch vorrangig mit Demonstratoren, Unterhaltung oder technischer Immersion verbunden. Auf der CHI 2026 zeigt sich eine andere Betonung: XR wird zunehmend als ernsthaftes Werkzeug für anspruchsvolle Arbeits- und Entscheidungszusammenhänge behandelt.
Ein besonders deutliches Beispiel ist der Workshop „XR for Challenging Environments: Enabling Human Performance and Agency under Stress" am 14. April 2026 in Raum 124 des CCIB. Er argumentiert, dass XR in Hochrisikoumgebungen nicht einfach anstreben kann, „nahtlos" zu funktionieren. Systeme müssen stattdessen vertrauenswürdig, robust und erklärbar sein. Die Ausrichtenden formulieren drei Perspektivwechsel: von allgemeinem Vertrauen zu geeichtem Vertrauen, von nahtloser Perfektion zu eingebauter Robustheit und von abstrakter Transparenz zu situierter Erklärbarkeit. Insgesamt wurden 22 hochwertige Einreichungen angenommen.
Zwei Beiträge zu einsatzkritischem XR
Das Immersive Reality Lab ist in diesem Workshop mit zwei angenommenen Beiträgen vertreten. Der erste, von Alia Saad und Jan-Niklas Voigt-Antons, XR Training in Challenging Environments: The Wind Turbines Case, nimmt die Wartung von Windenergieanlagen als Fallbeispiel für anspruchsvolle Trainingsumgebungen. Der Kern ist klar: In sicherheitskritischen Zusammenhängen genügt reine Immersion nicht. Training muss auch Umgebungsbedingungen, enge Räume, körperliche Anstrengung und Abstimmung im Team berücksichtigen. Der Beitrag skizziert, wie sich XR mit digitalen Zwillingen, physiologischer Messung und anpassungsfähiger Szenariensteuerung verbinden lässt, um kontrollierte Risikoexposition und kontextsensible Rückmeldung zu ermöglichen.
Wissenschaftlich reizvoll ist das, weil hier mehrere aktuelle Forschungsstränge zusammenlaufen. Ein digitaler Zwilling ist ein digitales Modell einer realen Anlage oder Umgebung. Mit XR verbunden lassen sich Trainingsszenarien wirklichkeitsnäher, veränderlicher und zugleich kontrollierter gestalten. Kommt physiologische Messung hinzu, die Stressreaktionen oder körperliche Belastung erfasst, kann ein Trainingssystem nicht nur beobachten, was Menschen tun, sondern auch besser verstehen, wann die Anforderungen zu hoch, zu niedrig oder schlecht verteilt sind. Genau an dieser Schnittstelle von Technik, menschlicher Leistung und Sicherheit entsteht ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld.
Der zweite Beitrag, When Simulation Meets Physiology: Adaptive Resilience for Mission-Critical XR in Fast-Jet Training von Julia Schorlemmer, Alia Saad, Sebastian Möller und Jan-Niklas Voigt-Antons, schärft diese Sicht weiter. Im Mittelpunkt steht das Kampfjet-Training als Extremfall einsatzkritischen XR. Der Beitrag zeigt, dass klassische XR-Ziele wie größtmögliche Immersion oder Automatisierung in solchen Zusammenhängen sogar problematisch werden können. Wenn physiologische Grenzen, Sensorunsicherheit oder irreführende Rückmeldungen nicht sichtbar gemacht werden, kann ein System die Gültigkeit des Trainings untergraben, statt die Leistung zu stützen. Vorgeschlagen wird eine anpassungsfähige Robustheitsschicht aus physiologisch gestützter Eichung, transparenter Kommunikation von Unsicherheit, vorsichtiger Anpassung und situativ verständlicher Rückmeldung.
Eine häufig gestellte Frage lässt sich unmittelbar beantworten: Was ist einsatzkritisches XR? Gemeint sind immersive Systeme, die in sicherheitsrelevanten oder stark belastenden Lagen eingesetzt werden, in denen Fehlfunktionen, Missverständnisse oder übermäßiges Vertrauen ernste Folgen haben können. Es zählt nicht nur die Bedienbarkeit, sondern die Fähigkeit des Systems, auch unter Belastung verständlich und verlässlich zu bleiben.
Vom Vertrauen in Technik zur Handlungsfähigkeit des Menschen
Beide Beiträge teilen einen Faden: Gute XR-Systeme sollen den Menschen nicht verdrängen, sondern seine Handlungsfähigkeit stärken. In der Forschung zur Mensch-Computer-Interaktion wird das oft mit dem Begriff Agency gefasst — der Fähigkeit, bewusst zu handeln, Entscheidungen zu treffen und die eigene Lage wirksam zu gestalten. In anspruchsvollen Umgebungen ist das zentral. Ein System, das Empfehlungen gibt, seine Unsicherheit aber verbirgt, kann gefährlicher sein als eines, das seine Grenzen offen benennt.
Hier liegt auch die Verbindung zur Quality of Experience. Quality of Experience, kurz QoE, beschreibt die wahrgenommene Qualität eines technischen Systems aus Sicht der Nutzenden. In einsatzkritischen Zusammenhängen genügt es nicht, dass ein System eindrucksvoll aussieht oder sich flüssig anfühlt. Es kommt darauf an, ob Menschen ihm angemessen vertrauen können, ob sie es unter Belastung verstehen und ob die Interaktion ihre Leistung tatsächlich stützt. Die Beiträge des Labors verschieben den Blick von reiner Immersion hin zu menschzentrierter Leistungs- und Sicherheitsforschung.
Ein dritter Schwerpunkt: soziale Interaktion und kulturelle Unterschiede in VR
Neben dem Workshop zu anspruchsvollen Umgebungen ist das Labor auch im CHI-Workshop „Shaping Future Human Connection: Social Augmentation through XR Technologies" vertreten. Er ist als angenommener CHI-Workshop gelistet und findet am Montag, dem 13. April 2026, in Barcelona statt. Im Mittelpunkt steht, wie XR soziale und emotionale Signale nicht nur nachbilden, sondern aktiv verstärken kann — über ausdrucksstarke Avatare, Blickhinweise, anpassungsfähige Rückmeldung oder einbeziehendere Formen der Verständigung.
Der Beitrag Understanding Cross-Cultural User Experience in Virtual Reality Across Presence, Emotion, and Interaction fügt sich hier unmittelbar ein. Die Arbeit untersucht, wie Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund VR-Erfahrungen wahrnehmen. Bemerkenswert ist, dass sich kulturelle Unterschiede nicht nur in ausdrücklichen Bewertungen zeigen, sondern auch in emotionalen Reaktionen und in der hedonischen Erlebnisqualität. Kurz: XR ist nicht automatisch universell. Wer immersive Systeme für internationalen, vielfältigen oder öffentlichen Gebrauch entwickelt, muss kulturelle Unterschiede im Erleben berücksichtigen.
Eine wichtige Frage lässt sich damit unmittelbar beantworten: Warum zählt kulturelle Vielfalt für die VR-Gestaltung? Weil Nutzerinnen und Nutzer immersive Inhalte unterschiedlich deuten, emotional verschieden bewerten und sie je nach Hintergrund als fesselnd oder als verwirrend erleben. VR für ein breites Publikum zu gestalten heißt, nicht nur die Technik zu formen, sondern auch ihre kulturelle Zugänglichkeit.
Was aus Barcelona bleibt
Die Beteiligung des Immersive Reality Lab an der CHI 2026 ist mehr als ein Sichtbarkeitserfolg. Sie zeigt, wohin sich die XR-Forschung derzeit bewegt: weg vom Neuheitseffekt immersiver Technik, hin zu belastbaren Antworten auf reale Anforderungen. Wie trainieren Menschen in risikoreichen Umgebungen? Wie lassen sich Vertrauen und Unsicherheit sinnvoll gestalten? Wie wird XR sozial verständiger und kulturell aufmerksamer?
Gerade diese Verbindung aus technischer Neuerung, menschzentrierter Evaluation und gesellschaftlicher Bedeutung macht die Beiträge über Forschung, Lehre und Transfer hinweg anschlussfähig. Studierenden zeigen sie, dass XR ein ernsthaftes Forschungsfeld mit erheblicher methodischer Tiefe ist. Fachkolleginnen und -kollegen führen sie vor Augen, wie Mensch-Computer-Interaktion, Physiologie, Gestaltung und Anwendungsfelder zusammenwachsen. Und einer breiteren Öffentlichkeit machen sie sichtbar, dass immersive Systeme besonders dort wichtig werden, wo Menschen unter Druck tragfähige Entscheidungen treffen müssen.